Gestern war ich das erste Mal seit gut 20 Jahren bei einem Spiel der Fußball-Bundesliga: Bayer Leverkusen gegen den VFL Bochum im „Schmuckkästchen“ der Liga – der neuen Bayarena. Normalerweise hätten mich ja keine 10 Pferde dort hinbekommen. Aber die VIP-Karten unseres Unternehmens waren zufällig frei, und die Premium VIP-Lounge wollte ich mir nicht entgehen lassen.
Selbstverständlich hatte ich sämtliche Vorurteile im Gepäck, die man sich über die Jahre so aneignet, während man neiderfüllt auf den großen Bruder Fußball schielt. Das Spiel war ganz unterhaltsam und wesentlich körperbetonter als der vorurteilsbeladene Rugbyfan erwartet hätte. Auch das immense Laufpensum einzelner Spieler wie z.B. Stefan Kießling hat mich sehr überrascht. Im Fernsehen wirkt es ja oft so, als würden die Jungs viel herumstehen. Der Funke ist trotzdem nicht übergesprungen. Das mag aber daran gelegen haben, dass im VIP-Block nicht gerade die große Stadionatmosphäre herrscht. Vielleicht auch an den zahlreichen Unterbrechungen, die einem als Rugbyspieler so unnötig erscheinen. Immer wenn es spannend wird, fällt einer und der Schiedsrichter pfeift ab. Schön zu sehen, wie die Jungs sich auf dem Rasen wälzen, dabei immer nach dem Schiri schielend, und sofort aufspringen, sollte dieser wider Erwarten weiterspielen lassen.
Am Ende hat Bayer Leverkusen verdient mit 2:1 gewonnen. Und nach dem Spiel gab es zahlreiche sportliche Gesten zwischen den Spielern. Nicht einmal die Gastmannschaft wurde ausgebuht. Ein weiteres geliebtes Vorurteil, das ich wohl aufgeben muss. Mein Spiel wird Fußball trotzdem nie werden.
Während des Events (und ganz unabhängig vom Geschehen auf dem Platz) wurde mir einmal mehr bewusst, wie weit Rugby und die perfekte Vermarktungsmaschine Fußball in Deutschland auseinanderliegen. Diesen Level werden wir im Rugby wohl erst in Jahrzehnten auch nur annähernd erreichen. Wenn überhaupt. Denn viel Platz bleibt neben König Fußball und seinem Kronprinz Handball eh nicht.
Auf so einiges könnte ich dabei dann auch gut verzichten. Die Durchkommerzialisierung bis in den letzten Winkel, inklusive Werbepartner für Auswechslungen, das Eckenverhältnis und das Bekanntgeben der letzten Spielminuten, war eher zum Gruseln. Beim Gedanken an Spots wie „Das nächste Gedränge wird Ihnen präsentiert von OPRO, dem Spezialisten für Zahnschutz“ und ähnliches krieg ich Ausschlag. Dabei sind es genau diese “Übel” die mit der Professionalisierung des Sports einhergehen.
Dennoch habe ich mich mehrfach beim Träumen und der Vorstellung erwischt, wie schön es wäre irgendwann eines Tages gemeinsam mit meinen Enkeln bei den Bundesliga-Begegnungen des ASV Köln in einem dieser hochmodernen, ausverkauften Stadien zu sitzen, statt wie heute mit 20 Zuschauern am Spielfeldrand. Am besten natürlich in der VIP-Lounge bei kaltem Kölsch und lecker Essen.
Aber wäre Rugby dann wirklich noch “mein” Sport? Oder ein perfekt vermarktetes Medienspektakel, voller Hochglanzathleten aber ohne Seele? Will ich das überhaupt? Ich weiß es nicht.